Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser?

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In einem vorherigen Artikel habe ich für Eigenverantwortung plädiert, in diesem Artikel werde ich mich hingegen für Vertrauen aussprechen. Ein Widerspruch?

Nein, ich finde nicht. Im Gegenteil, ich finde, Eigenverantwortung und Vertrauen funktionieren erst in der Kombination richtig gut. Was ich damit sagen will, ist, dass jemand der nur vertraut und nie Eigenverantwortung übernimmt, jegliche Eigenständigkeit und Handlungsfähigkeit aus der Hand gibt und damit ohnmächtig (ohne Macht) ist.

Die Person, die nur auf Eigenständigkeit setzt und nicht vertrauen kann, sieht sich wahrscheinlich eher gezwungen, alles zu kontrollieren und ihre Fähigkeit, loszulassen, wäre dementsprechend nur geringfügig ausgeprägt. Ich setze daher auf das Zusammenspiel von beidem, denn beides hat seinen Sinn und seine Berechtigung. Die Kunst liegt in diesem Kontext darin, herauszuspüren, wann man eher auf Eigenverantwortung und wann auf Vertrauen setzten sollte.

Was mich anbetrifft, hatte ich eher ein Problem mit Vertrauen als mit Eigenverantwortung. Obwohl ich auch eine Zeit lang brauchte, um wirklich Verantwortung für mich zu übernehmen.

Fehlendes Selbstvertrauen

Ich hatte zwar grundsätzlich kein Problem damit, anderen zu vertrauen. Ich hatte aber ein Problem damit, mir zu vertrauen. Rückblickend finde ich das selber wirklich unschön Mir fehlte im wahrsten Sinne des Wortes Selbstvertrauen.

Das Traurigste an der Sache ist, dass ich schon als Kind mein fehlendes Vertrauen in mich durch Kontrolle kompensierte. Das heisst, dass ich beispielsweise mehrfach am Ende des Tages kontrollierte, ob ich auch wirklich alles für die Schule am nächsten Tag dabeihatte. Was jetzt gar nicht so dramatisch klingt, ist für ein kleines Mädchen im Alter von 8-9 Jahren schon eher ungewöhnlich, um nicht zu sagen bedenklich.

Doch für alle, die sich in dieser Beschreibung wiederfinden und dazu neigen sich selber fast schon zwanghaft zu kontrollieren, kann ich sagen:

Es gibt einen Weg da raus.

Eigenverantwortung versus Vertrauen

Zu erst einmal ist es, glaube ich, sehr wichtig zu erkennen, dass man sich oder anderen zu wenig Vertrauen schenkt und dass es sich dabei um kein gesundes Verhalten handelt. Gesund ist meiner Meinung nach die, Balance aus Eigenverantwortung und Vertrauen.

Aber wann benötigt man was? Ich versuche meine Einschätzung dazu, an zwei Beispielen zu illustrieren.

Wenn sich beispielsweise eine Person selbstständig machen möchte, dann reicht es in den meisten Fällen wahrscheinlich nicht aus, dass sie die Hände in den Schoss legt und darauf vertraut, dass sich ihre Selbstständigkeit von allein entwickelt. Hingegen muss diese Person Eigenverantwortung für sich und ihre Träume übernehmen und Schritte in die Wege leiten, um die Selbstständigkeit nach und nach aufzubauen.

Erst wenn diese Schritte getan wurden, ist es an der Zeit, ein Stück weit loszulassen und darauf zu vertrauen, dass sich beispielsweise ein passender Kundenstamm für das gegründete Unternehmen finden lässt. Das heisst, es bietet sich dort an, Verantwortung zu übernehmen, wo überhaupt ein Handlungsspielraum ist und in den Bereichen loszulassen und Vertrauen zu üben, auf die gar kein Einfluss genommen werden kann.

Es lohnt sich also, für sich herauszuarbeiten, wo ein tatsächlicher Handlungsspielraum vorliegt und wo man die Dinge einfach nur laufen lassen kann und sich demnach zurücklehnen sollte, anstatt zu versuchen, Umstände zu kontrollieren, die nicht zu kontrollieren sind und sich damit nur unnötig zu stressen.

Ein weiteres Beispiel ist eines zur Gesundheit. Bei vielen Menschen, auch in meinem Umfeld, stelle ich fest, dass sie sich nicht wirklich um ihre Gesundheit kümmern. Sie übergeben im Prinzip ihren Ärzten die volle Verantwortung für ihre Gesundheit und schmeissen irgendwelche Pillen ein, wenn es sein muss.

Ich denke auch an dieser Stelle wieder, dass uns dieses Verhalten ohnmächtig macht. Wie wäre es, wenn wir uns überlegen, was wir für unsere Gesundheit tun können? Wir könnten anfangen mehr Sport zu machen, unseren Körper von Zeit zu Zeit mal wieder dehnen, gesünder essen,…

Ich will damit nicht sagen, dass wir Ärzten nicht mehr vertrauen sollten, absolut nicht. Ich bin einfach der Ansicht, dass wir selber wieder Verantwortung für unsere Gesundheit übernehmen sollten. Dieser Prozess kann ja durchaus durch einen Arzt begleitet werden, allerdings denke ich, dass besonders wir selber an unserer Gesundheit arbeiten sollten. Auch in diesem Fall kommt es auf die Balance an.

Finde für dich heraus, in welchen Bereichen du selber an dir und deinem Gesundheitszustand arbeiten kannst und wann es heisst, loszulassen und nicht nur den Ärzten, sondern auch auf den positiven Verlauf des Heilungsprozesses zu vertrauen. Wobei ich an dieser Stelle noch anmerken möchte, dass es sich nicht um ein blindes Vertrauen handeln sollte. Wenn jemand blind vertraut, fehlt meiner Meinung nach die vielfach erwähnte Balance zwischen Eigenverantwortung und Vertrauen.

Gottvertrauen

Ähnlich wie beim Heilungsprozess gibt es Dinge im Leben, auf die wir keinen oder kaum Einfluss nehmen können, abgesehen von unseren Gedanken zu ihnen vielleicht. Jetzt gibt es unterschiedliche Wege mit solchen Situationen umzugehen. Entweder ist man völlig verunsichert und ängstlich und hat Sorge, dass der Worst Case eintritt oder man hat das, was meine liebe Schwiegermama in spe als Gottvertrauen bezeichnen würde.

Gottvertrauen. Für mich hat Gottvertrauen und ob man es hat, gar nichts damit zu tun, ob man gläubig ist oder nicht. Natürlich kann man den Begriff Gottvertrauen so interpretieren, dass es einen Gott gibt, auf den wir vertrauen können und der uns beschützt. Wir können Gottvertrauen aber auch als eine Form von Vertrauen darauf, dass schon alles gut werden wird, interpretieren. Egal, wie wir es nun interpretieren wollen, ich glaube, dass uns allen ein wenig mehr Gottvertrauen statt Schwarzmalerei und Pessimismus nicht schaden würde.

Mutproben

Ich persönlich fordere mich immer wieder selber mit grösseren oder kleineren «Mutproben» heraus, um mein Vertrauen in mich und mein Gottvertrauen zu stärken. Bei meinem Studentenjob, bei dem es eine der Hauptaufgaben war, Dinge zu kontrollieren, übte ich mich beispielsweise darin, entgegen meines Kindheits-Ichs nicht tausendmal ein und dieselbe Sache zu kontrollieren, sondern vielleicht nur zweimal.

Das wäre auch ein Tipp an dich, wenn du dazu neigen solltest, dich zu kontrollieren, dann versuche, dieselbe Sache statt, wie beim letzten Mal, viermal nur dreimal zu kontrollieren. So kannst du dich von Mal zu Mal steigern und sollte es einmal nicht klappen, sei gnädig zu dir. Denn solche destruktiven Verhaltensmuster wird man meist nicht von heut auf morgen los. Aber du wirst sehen, Stück für Stück wird das Misstrauen in dich, deinem neuen Selbstvertrauen weichen.

Das Mindset verändern

Was mir hilft, um auch das nötige Gottvertrauen zu haben, ist mir beispielsweise bewusst zu machen, dass das Leben uns nur Aufgaben stellt, die wir fähig sind zu lösen und an denen wir wachsen dürfen. Ich finde diese Überlegung sehr hilfreich, weil sie unterstreicht, dass das Leben uns zwar zum Teil fordert, manchmal vielleicht auch überfordert, aber dass das Leben uns letztendlich immer dient. Denn jeder Moment und sei er noch so herausfordernd (oder eigentlich gerade dann), bietet uns die Möglichkeit aus ihm zu lernen.

Vielleicht mag all das für dich noch etwas abstrakt klingen, aber ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen, dass, sobald du dein Mindset von «Das Leben ist scheisse und überfordert mich» hin zu «Das Leben schickt mir nur Aufgaben, die mich zwar manchmal fordern, aber an denen ich wachsen darf», veränderst, du erkennen wirst, warum dir das Leben mit ihnen dient.

Das Leben dient dir. Mit jedem schönen Moment, aber auch mit jeder herausfordernden Phase.

Unterstützende Mantren

Zum Abschluss möchte ich dir noch zwei Mantren mit auf den Weg geben, die nicht nur dein Vertrauen in dich, sondern auch dein Gottvertrauen und dein Vertrauen ins Leben stärken können:

1.      Ich vertraue mir und dem Leben

2.      Das Leben ist immer für mich

Du kannst sie ganz einfach in deine Morgen- oder Abendroutine integrieren oder beim Warten auf den Bus oder wann und wo auch immer du magst, in deinem Kopf oder auch laut vor dich hinsprechen. Am Anfang bist du vielleicht noch nicht so überzeugt von ihren Bedeutungen, aber ich bin mir sicher, dass ein ganz wichtiger Teil in Bezug auf die Wahrnehmung von unserem Leben ist, wie wir es interpretieren. Deswegen bleib am Ball und wiederhole die Mantren wieder und wieder bis du sie verinnerlicht hast und darüber hinaus. Ich denke:

Wer Negatives in seinem Leben finden will, der wird es finden.

Wer hingegen Positives finden möchte, der wird auch das finden.

Am Ende ist es deine Entscheidung, was du finden willst.

Jetzt würde mich interessieren, ob du gut vertrauen kannst und wie es um dein Selbstvertrauen bestellt ist. Hast du schon eine gute Balance aus Vertrauen und Eigenverantwortung?

Lass es mich gerne in den Kommentaren wissen.

Alles Liebe,

Deine Anna