Wir suchen nach Inkonsistenzen – Warum eigentlich?

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Ist dir bei dir selbst auch schon mal aufgefallen, dass du, ganz besonders bei Menschen, die in deinen Augen für eine bestimmte Thematik stehen, nach ihren Inkonsistenzen suchst? Also nach Widersprüchlichkeiten zu der Thematik, die sie für dich verkörpern?

Es muss eigentlich nicht mal direkt mit der Thematik zu haben. Bei dir können auch einfach Gedankengänge ausgelöst werden, wie: «Wenn XY auf das achtet, muss er doch auch auf jenes achten». Wir verknüpfen also Themen miteinander und erwarten von unserem Gegenüber, konsequent entsprechend unserer Theorie zu handeln. So nach dem Motto: «Wer A sagt, muss auch B sagen».

Ich kenne diese Verhaltensweise von mir selber auch. Ich durfte aber auch schon die Erfahrung machen, dass Leute mich, auf meine «Inkonsistenzen» angesprochen haben.

 

Inkonsistenzen im Alltag 

Was meine ich nun genau mit diesen Inkonsistenzen, diesen Widersprüchlichkeiten?

Ich meine, damit Beispiele, wie folgende:

Wir fragen uns bei unserem Bekannten, warum er schon wieder nach Asien in den Urlaub fliegt und damit die Umwelt belastet, obwohl er doch immer so auf seinen Plastikkonsum achtet.

Oder ein weiterer Klassiker ist es auch, wenn wir jemandem, der offen zu seinem christlichen Glauben steht, insgeheim vorwerfen, dass er vielleicht einer anderen Person nicht vergeben kann. Obwohl Vergebung doch ein essentieller Bestandteil des christlichen Glaubens ist.

Beim Beispiel, das ich dir nachfolgend erläutern möchte, war ich diejenige, die beurteilt hat. Ich verfolgte in den sozialen Medien, dass ein früherer Mitschüler von mir, sich für Flüchtlinge einsetzte. «Mega cool», dachte ich mir. Irgendwann sah ich dann auf Social Media, wie er ein Foto von seinem Abendessen postete und sehr deutlich (auch schriftlich) die Freude über das Steak auf seinem Teller ausdrückte.

Ich verstand das nicht. Ich verstand nicht, wie er, der so ein reflektierter und engagierter Mensch ist, nicht nur Fleisch konsumierte, sondern ihn auch öffentlich feierte, obwohl er sich doch auf der anderen Seite so sehr für andere Leben einsetzte.

 

Der Spiegel

Nachdem ich diesen Gedanken sacken liess, wurden mir allerdings schnell mehrere Dinge klar. Zum einen verstand ich, dass er auch mich fragen könnte, wieso ich mich nicht aktiv für Flüchtlinge einsetze, obwohl ich doch Veganerin bin und mich dementsprechend für das Wohl anderer Lebewesen interessiere .

Und er hätte damit nicht ganz Unrecht, denn bei jemanden, der sich für Gerechtigkeit in einem Bereich einsetzt, ist es recht wahrscheinlich, dass er sich auch in einem anderen Bereich für Gerechtigkeit ausspricht

Und das stimmt, denn natürlich bin ich nicht nur für Gerechtigkeit und Liebe für jedes Tier, sondern auch für jeden Menschen. Allerdings setzte ich mich nicht aktiv für Flüchtlinge ein, obwohl es meine Überzeugung eigentlich von mir verlangt hätte.

Was kann ich lernen?

Zum anderen dachte ich mir, dass ich mich nicht auf seine vermeintliche Inkonsistenz konzentrieren sollte, sondern auf das, was er mir voraushat und auf den Bereich, in dem ich von ihm lernen kann.

Obwohl es doch so viel einfacher wäre im eigenen Urteil über eine Person zu verharren.

Aber wie das Wort «verharren» schon so schön beschreibt, würde ich dann in einem Stillstand verbleiben, anstatt zu wachsen und mich weiterzuentwickeln. Da entscheide ich mich doch lieber für’s Wachstum und damit auch für die Liebe. Denn anstatt an negativen Gedanken festzuhalten wie: «Du bist schlecht(er) (als ich), weil du dieses oder jenes getan oder nicht getan hast», schaue ich doch lieber voller Liebe auf eine andere Person und frage mich:

 

«Was kann ich von dir lernen?»

 

Milde, Gnade & Verständnis

Ein weiterer wichtiger Punkt, den ich realisierte, war auch, dass, nur weil mein ehemaliger Mitschüler sich nicht für das Thema «Veganismus» einsetzte, es noch lange nicht heisst, dass dieser fehlende Einsatz darauf zurückzuführen ist, dass das Thema ihm scheissegal ist.

Wahrscheinlicher ist doch eher, dass er sich noch nie richtig mit dem Thema beschäftigt hat. Denn ich bin überzeugt, dass er eine Person wäre, die, wenn sie sich mit der Thematik des Veganismus beschäftigen würde, ihren Konsum verändern würde.

Wichtig finde ich auch, dass wir darauf achten, nicht überheblich zu werden, nur weil wir ein bestimmtes Wissen gewonnen haben. Denn es gab wahrscheinlich auch mal Zeiten, in denen wir dieses Wissen nicht besassen.

Um beim Beispiel «vegan» zu bleiben: Natürlich wünschte ich mir, dass möglichst viele Menschen vegan werden würden, weil es meiner Ansicht nach das Beste für Mensch, Tier und Umwelt wäre, aber jeder Mensch hat sein eigenes Tempo und deswegen kann und möchte ich Menschen nicht verurteilen, nur weil sie (jetzt noch) nicht vegan sind.

Es hilft, sich daran zu erinnern, dass man auch nicht immer Veganerin war, sondern auch eine Zeit brauchte, um das entsprechende Wissen zu sammeln und den berühmten «Klick»-Moment zu haben.

Oder, um es mit einem anderen Beispiel zu sagen, wenn ich jemandem innerlich vorwerfe, dass er nicht vergeben kann, dann sollte zunächst ich mich fragen:

Kann ich vergeben?

Konnte ich schon immer vergeben?

Ich, für meinen Teil, würde mich dann daran erinnern, dass auch ich nicht immer vergeben konnte und mit dieser Erkenntnis würde augenblicklich mehr Milde, Verständnis und Gnade für mein Gegenüber entstehen.

 

Sozialisierung als Ursprung

Wir dürfen in diesem Zusammenhang auch nicht vergessen, dass wir alle in unseren eigenen Glaubenssätzen, Überzeugungen und Kulturen ein Stück weit gefangen sind.

Das wird zum Beispiel deutlich, wenn wir unseren Fleischkonsum mit anderen Ländern vergleichen. Während es in der Schweiz und Deutschland relativ gängig ist auch Pferdefleisch zu essen, ist der Pferdefleischkonsum in den USA verpönt. In China wird bekanntermassen auch Hundefleisch konsumiert, während dieser Verzehr in unseren Breitengraden abgelehnt wird. Wir verzehren stattdessen Kühe, die wiederum beispielsweise in Indien und Sri Lanka als heilig angesehen und aus diesem Grund, dort nicht gegessen werden. Allerdings wird dort trotz alledem Milch konsumiert. Das obwohl die Milchindustrie eine sehr unschöne Industrie ist, in der die Kühe alles andere als geheiligt werden. Aber da wären wir wieder bei der Suche nach Inkonsistenzen.

Doch woher kommen Inkonsistenzen, wie die Heiligung von Kühen und dem gleichzeitigen Kuhmilchkonsum überhaupt?

Ich sag nur: Sozialisierung.

Wir werden in unseren Herkunftsländern sozialisiert, das heisst, wir bekommen, beispielweise durch die jeweilige Landeskultur und gängige Bräuche vermittelt, was in unseren Ländern als richtig und normal angesehen wird. Alles andere, was davon abweicht, wird aus unserem Blickwinkel erst einmal als komisch oder sogar als falsch angesehen. Die Frage ist nur, was ist richtig und was ist falsch, wenn man bedenkt, dass über sieben Milliarden Menschen auf diesem Erdball leben und damit im Prinzip auch über sieben Milliarden Sichtweisen vorliegen?

Ich denke, in vielen Bereichen gibt es gar kein richtig oder falsch, weil es einfach so viele verschiedene Arten gibt, mit Dingen umzugehen oder sie zu sehen. Andererseits bin ich davon überzeugt, dass es sehr wohl Bereiche gibt, in denen das Richtig oder Falsch sehr eindeutig ist. Für mich persönlich ist etwas dann falsch, wenn ein Lebewesen, ganz gleich ob Mensch oder Tier, benachteiligt, gedemütigt oder ganz allgemein schlecht behandelt wird. Diese Sichtweise würden wahrscheinlich sogar noch ein paar Leute teilen, wobei sich, je nach kulturellem Background, die Definition darüber, wie eine schlechte Behandlung aussieht, unterscheiden würde.

Inkonsistenzen können demnach nicht nur auf fehlendes Wissen, sondern auch auf unterschiedliche Sozialisierung zurückgeführt werden. Nicht zu vergessen ist auch, dass wir alle Gewohnheitstiere sind und damit wir etwas in unserem Verhalten oder allgemein in unserem Leben verändern können, müssen wir unsere eigene Kultur schon sehr genau reflektieren und neu gewonnenes Wissen sehr gut verinnerlichen, um wirklich etwas zu verändern und damit unsere Inkonsistenzen aufzulösen, wenn wir es denn überhaupt wollen.

 

Inkonsistenz & Kritik

Sehr bedeutend ist auch der Zusammenhang von Inkonsistenzen und Kritik, zumindest meiner Ansicht nach. Wenn man eine vermeintliche Inkonsistenz des Gegenübers zur Sprache bringen möchte, sollte dies sehr überlegt und in einem passenden Rahmen getan werden. Ich würde mir auch immer die Frage stellen, ob mir überhaupt eine Kritik zusteht?

Wenn ich mir selber beispielsweise das Fleisch und die Milch reinhaue, dann würde ich nicht zu einem Indern gehen und ihn darauf aufmerksam machen, dass er, da er doch Kühe als heilig ansieht, keine Milchprodukte konsumieren sollte, da die Milchindustrie sehr unschön ist. Das empfände ich einfach nicht als angebracht. (Wer im Glashaus sitzt und so… ;) )

Die Frage ist doch, ob Inkonsistenzen überhaupt zu Kritik führen müssen?

Meiner Meinung nach nicht, denn eine Inkonsistenz ist erst einmal nichts Schlechtes, im Gegenteil. Inkonsistenzen machen doch auch interessant, weil sie einen vermeintlichen Bruch zwischen dem, was wir von einer Person annehmen und dem, wie sie wirklich ist beziehungsweise, wie sie sich präsentiert, darstellt.

Wenn sich beispielsweise jemand rockig kleidet, aber gerne Volksmusik hört, dann ist dies eine spannende Kombination und es liegt keine Notwendigkeit vor, diese «Inkonsistenz», diesen vermeintlichen Widerspruch, zu kritisieren. So lange ein Bruch niemandem schadet, ist, meines Erachtens nach, keine Kritik notwendig. Sie wäre in diesem Fall sogar eher unpassend, wie ich finde.

Wenn allerdings ein betrunkenere Polizist Auto fährt, dann ist diese Inkonsistenz vom Gesetzeshüter, der mit Alkohol am Steuer unterwegs ist, durchaus diskussionswürdig und eine Kritik angebracht. Nicht zuletzt, da er sich und andere in Gefahr bringt. Was am Ende viel bedeutender ist, als der Widerspruch, vom Gesetzeshüter, der mit dem Gesetz in Konflikt kommt, an sich.

Inkonsistenzen sind nicht zuletzt ebenso auf unterschiedliche Interessen und Leidenschaften zurückzuführen, wie man am Beispiel von meinem ehemaligen Mitschüler und mir gesehen hat. Während er sich eher für die Flüchtlingsthematik stark gemacht hat, mache ich es für den Veganismus.

Das ist auch völlig okay, denn wir brauchen Menschen, die sich für unterschiedliche Themen einsetzen.

 

Vorschnelles Urteilen

Spannend finde ich, wie schnell wir darüber urteilen, ob eine Inkonsistenz vorliegt. Meiner Ansicht nach, liegen die Meinungen darüber, ob bei einer bestimmten Person ein Widerspruch vorliegt, sowieso sehr im Auge des Betrachters. Was ich als Inkonsistenz interpretieren würde, ist für dich vielleicht absolut kein Widerspruch. Manches Mal mögen wir mit unserer Einschätzung vielleicht «richtig» liegen, bei einem anderen Mal, verknüpfen wir Aspekte, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben oder üben Kritik, die eher unpassend ist.

Ich wurde zum Beispiel, von Leuten, nachdem sie mitbekommen hatten, dass ich Veganerin bin, darauf angesprochen, dass ich eine Uhr mit Lederarmband und Birkenstocks trage. Versteht mich nicht falsch, ich verstehe die Frage und ich beantworte sie auch gerne. Man kann Fragen allerdings auch stellen, weil es einen wirklich interessiert oder auf dem Hintergrund, der Suche nach Inkonsistenzen. Meistens war, das war zumindest mein Gefühl, leider das zweite der Fall.

Um diese «Inkonsistenzen» meinerseits direkt aufzuklären:

Die Lederarmbanduhr besass ich schon, bevor ich Veganerin wurde und ich trug sie, bis sie auseinanderfiel, um dann das Armband durch ein Stoffarmband zu ersetzen. Für meine Birkenstocks gilt ähnliches, ich besitze sie schon seit vielen Jahren und werde es auch weiterhin tun, bis sie auseinanderfallen.

Dieses Beispiel zeigt auch ein wenig, was ich mit «unpassender Kritik» bezeichnete. Ich denke, wenn wir anfangen, Leute, die etwas Gutes tun, dafür zu kritisieren, dass sie nicht noch mehr Gutes tun, dann vermitteln wir fast den Eindruck, man hätte diese Kritik vermeiden können, indem die kritisierte Person, nie etwas Gutes getan hätte. Aber das wäre ja definitiv nicht das Ziel.

Statt also im Zusammenhang mit meinem ehemaligen Mitschüler zu denken, er könnte sich neben der Flüchtlingsthematik auch für den Veganismus engagieren, könnte ich ihm einfach dankbar dafür sein, dass er sich für Flüchtlinge einsetzt. In der Zeit kümmere ich mich dann ein wenig um den Veganismus. 😊

 

Was hast du, was ich nicht hab?

Statt bei dem anderen zu schauen, was er falsch macht oder noch verbessern könnte, könnten wir uns zuerst die Frage stellen:

«Was kann ich vom anderen lernen?»

und

«Was hat er mir voraus, was mich in meinem Handeln inspirieren könnte?»

Dieser Punkt ist meiner Ansicht nach, einer der wichtigsten, im Zusammenhang mit Inkonsistenzen. Nämlich, bevor ich anfange zu kritisieren, erst einmal zu schauen, was ich von meinem Gegenüber, mit den vermeintlichen Inkonsistenzen, lernen kann.

Ein weiterer essentieller Punkt ist, dass wir alle nicht perfekt sind. Wir weisen alle Inkonsistenzen auf, die uns interessant und zu dem machen, wer wir sind. Und wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns alle ständig weiterentwickeln und wachsen. Manche Widersprüche an uns, fallen uns in unserem Wachstumsprozess vielleicht auf und wir beheben sie, andere bleiben uns, bewusst oder unbewusst, ein Leben lang erhalten und machen einen Teil, von dem, wer wir sind, aus.

 

Ein Grund für die Suche nach Inkonsistenzen

Eine Frage, die ich mir gerne im Zusammenhang mit Inkonsistenzen stelle, ist:

Warum suchen wir bei unserem Gegenüber überhaupt nach Inkonsistenzen?

Meine Antwort ist: Aus Selbstschutz. Wenn ich die Veganerin darauf hinweise, dass sie Ledersachen trägt, mache ich sie damit auf ihre Imperfektion aufmerksam. Gleichzeitig ist das für mich die perfekte Entschuldigung, warum ich gar nicht erst anfangen muss, meinen Fleischkonsum zu überdenken. So nach dem Motto: «Die Veganerin ist nicht perfekt, wieso soll ich es dann sein?».

 

Wir suchen gute Ausreden für unsere schlechten Angewohnheiten.

 

Wenn wir Perfektion als Massstab nehmen, dann brauchen wir gar nicht erst anfangen und viele wollen ja genau das, sie wollen nicht anfangen, weswegen sie meine Imperfektion nutzen, um sich selbst nicht überdenken zu müssen.

Doch was wäre, wenn wir alle einen Schritt aus unserer Comfortzone heraus machen und uns gegenseitig nicht auf unsere Widersprüche, Imperfektionen und Inkonsistenzen reduzieren würden, sondern stattdessen bei unserem Gegenüber nach dem suchen, was uns Inspiration sein könnte?

 Ich fänd das ziemlich inspirierend!

 

Lass dich inspirieren und sei Inspiration.

 

Was meinst du dazu? Kennst du es von dir, Inkonsistenzen anderer aufzuspüren oder schaust du eher danach, was du von einer Person lernen kannst?

Lass es mich gerne in den Kommentaren wissen.

 

 

Alles Liebe,

Deine Anna