Was Verständnis verändern kann

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Kennst du das, wenn dir deine Freundin von einer Situation berichtet, in der sie sich von einer anderen Person benachteiligt, schlecht behandelt oder missverstanden fühlt, dass du (in den meisten Fällen) vollstes Verständnis für sie und ihre Situation hast?

Es ist unsere Freundin und natürlich versuchen wir uns in sie hineinzuversetzen, sie zu verstehen und suchen Argumente dafür, warum die andere Person die Böse in der ganzen Situation ist.

Die Person, die zum Unbehagen unserer Freundin beigetragen hat, fühlt sich aber möglicherweise von unserer Freundin auch ungerecht behandelt und hat ebenso eine nahestehende Person, die sie und ihre Situation nachvollziehen kann und wiederum unsere Freundin als Übeltäterin der Situation sieht.

Und weisst du, was das Spannende ist? Wäre die andere Person unsere Freundin, dann würden wir Argumente dafür finden, warum sie im Recht und die «gegnerische» Partei im Unrecht ist.

Was zeigt uns das? Es zeigt, dass wir die Fähigkeit besitzen, unglaublich grosses Verständnis für unsere Liebsten aufzubringen.

Variabilität der Argumentation

Ist unsere Freundin, diejenige, die betrogen wird, dann ist ihr Freund «ein Arschloch» und seine Affäre «eine Bitch».

Ist hingegen unsere Freundin diejenige, die eine Affäre mit einem vergebenen Mann hat, dann wäre es nicht unüblich, dass wir die Ansicht vertreten, dass unsere Freundin, die Richtige für den Typen wäre und seine jetzige Freundin sowieso unpassend.

Unsere Argumentation für Dinge ist demnach zu urteilen sehr variabel und unser Verständnis sehr vielfältig.

Anzahl Menschen = Anzahl Wahrheiten

Die Beispiele zeigen allerdings auch:

Es gibt nicht die eine Wahrheit.

Je nach Perspektive unterscheiden sich die Ansichten zu ein und derselben Geschichte. Was erst einmal nicht heisst, das eine Ansicht besser oder «wahrer» als die andere wäre. Jede einzelne Ansicht oder Perspektive für sich, ist wahr und geht auf echte, reale Gefühle und Empfindungen der Betroffenen zurück.

Wir in unserer eigenen Blase vergessen dies nur leider viel zu schnell. Wir sehen unsere Perspektive und haben das Gefühl, dass die Dinge eindeutig und gänzlich im Sinne unserer Empfindungen sind.

Mir hilft es immer sehr, zu üben, mich in mein Gegenüber hineinzuversetzen, um mir zu überlegen, was wohl der Hintergrund für sein Handeln, das mich vielleicht verletzt hat, sein könnte. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass die meisten Menschen im Grunde ihres Herzens gut sind und in der Regel niemanden bewusst verletzen wollen. Ich frage mich dann, inwiefern seine Vergangenheit dazu beigetragen hat, dass er mich nun (ungewollt) verletzt hat.

Sobald man erst einmal ein Verständnis dafür entwickelt hat, was es ist, was die, mich verletzende Person, selber erlebt und sie geprägt hat und was wohl die Vorgeschichte für ihre verletzende Verhaltensweise ist, kehrt eine Milde bei einem selbst ein. Man realisiert in der Mehrheit der Fälle, dass man nicht bewusst verletzt wurde.

Das Schwarz-Weiss-Prinzip loslassen

Ich frage mich sowieso, was das Endziel von solchem Be- oder Verurteilen von Personen bringen soll, selbst wenn wir uns als Opfer einer Verletzung ihrerseits fühlen.

Soll das Resultat sein, dass wir feststellen, weil Person XY so gehandelt hat, dass sie einfach ein schlechterer Mensch ist?

Ich denke, das wäre zu kurz gedacht, weil diese Logik nach dem Schwarz-Weiss-Prinzip funktioniert und kein Dazwischen zulässt. Nach dieser Logik sind wir entweder Opfer oder Täter, doch so einfach ist es im Leben ja meistens nicht.

Ich glaube sowieso, dass unser Denken über andere, einen Spiegel dessen repräsentiert, wie wir mit uns selber umgehen und anders herum. Wenn wir anfangen uns selber zu beobachten und anfangen festzustellen, wie viel oder wenig Verständnis wir für uns und andere aufbringen können, ist das der erste Schritt für mehr Milde und Gnade uns und unseren Mitmenschen gegenüber.

 

Ausbau des Verständnis-Vermögens

Doch inwiefern kann uns diese unglaubliche Verständnis-Fähigkeit, die wir besitzen und die eingangs am Beispiel illustriert wurde, in unserem alltäglichen Leben weiterhelfen?

Wir könnten damit anfangen, nicht nur Verständnis für unsere Freundin und ihre Situation aufzubringen, sondern unsere Freundin auch dabei unterstützen, die Person, die sie verletzt hat, besser zu verstehen.

Ich bin überzeugt, dass, wenn wir die Beweggründe von Menschen verstehen, wir weniger frustriert aufgrund der Verletzung durch sie sind. Wir sind vielleicht immer noch verletzt, aber erkennen möglicherweise, dass die Person, die uns verletzt hat, selber verletzt wurde und aus diesem Umstand heraus, unbewusst selber Menschen verletzt.

Verletzte Menschen verletzen Menschen

Verständnis für Fremde

Die Verständnis-Fähigkeit können oder besser gesagt, sollten wir auch Fremden gegenüber nutzen.

Jemand drängelt hinter dir in der Schlange? Eine Verkäuferin war unfreundlich?

Anstatt frustriert deswegen zu sein, könnten wir doch anfangen, etwas Neues ausprobieren und uns fragen, warum diese Personen wohl so drauf sind.

Die Frau, die in der Schlange drängelt, hat vielleicht ein wichtiges Meeting oder einen wichtigen Abgabetermin und holt sich nur noch ein paar Snacks, um sich dafür zu stärken.

Der Verkäufer hat vielleicht gerade von seiner Chefin erfahren, dass er die, für seine Familie so wichtige, Gehaltserhöhung doch nicht erhalten wird und ist dementsprechend betrübt.

Wir alle kennen solche oder ähnliche Situationen aus eigener Erfahrung und wären, wenn wir uns mal wieder in ihnen wiederfinden, froh, wenn wir feststellen, dass unser Umfeld, egal ob fremd oder bekannt, milde mit uns und unserem momentanen Gefühlszustand umgeht.

Gegenseitiges Verständnis

Wie gehen wir mit unseren Liebsten um, wenn wir mal einen Disput mit ihnen haben?

Versuchen wir neben unserer Perspektive, auch ihre Sicht der Dinge zu verstehen oder beharren wir darauf, dass nur unser Blick auf die Dinge der einzig wahre ist?

Wenn wir uns den Perspektiven unserer Liebsten versperren, dann verbauen wir uns nicht nur die Möglichkeit, die von uns geliebten Personen wirklich zu verstehen, sondern berauben uns auch der Option einen Raum von gegenseitigem Verständnis zu erschaffen.

Wo sich jemand verstanden fühlt, ist er eher bereit, auch Verständnis für sein Gegenüber aufzubringen.

Und ja, wir können natürlich die Meinung vertreten, dass erst die andere Person, Verständnis für uns aufbringen soll. Nur, wenn die andere Person auch diesen Standpunkt vertritt, dann kommen wir nicht weiter, sondern verharren stattdessen in unserem gegenseitigen Unverständnis.

Deswegen bin ich der Ansicht, wir sollten versuchen unser Ego etwas zurücknehmen und ernsthaft anfangen, unseren Standpunkt nicht als den einzig wahren, sondern nur als einen möglichen von vielen anzusehen. Wenn wir das tun, kommen wir ganz automatisch zu einem Punkt von mehr Verständnis für unsere Liebsten.

 

Verständnis für Dich

Wie viel Verständnis hast du für dich? Bist du so verständnisvoll mit dir, wie du es mit einer Freundin bist? Ich bin es oftmals nicht. Aber Erkenntnis ist ja bekanntlich der erste Schritt zur Besserung.

Ich denke wir sollten damit beginnen unser Verständnis-Vermögen uns selbst gegenüber auszuüben.

Lasst uns beginnen, unseren Beweggründen und Gedanken gegenüber, genauso verständnisvoll zu sein, wie wir es bei unseren Freundinnen wären.

Denn Liebe, Milde und Verständnis haben wir selber, genauso wie jeder andere auch, verdient.

Wenn wir mal wieder das Gefühl haben, zu wenig produktiv gewesen zu sein, lasst uns, mit uns reden, wie mit einer Freundin. Deiner Freundin würdest du ja auch nicht vorwerfen, dass sie zu wenig produktiv war. Viel eher würdest du ihr gut zureden und ihr sagen, dass man nun mal nicht immer produktiv sei kann, Pausen braucht und wieder produktivere Phasen kommen werden.

Du bist milde, verständnisvoll und voller Liebe für sie.

 Lasst uns, so zu uns selbst sein.

 

Begleiterscheinungen einer verständnisvolleren Welt

Verständnis für uns selbst, unsere Liebsten und Fremde zu entwickeln, bedeutet am Anfang vielleicht ein bisschen mehr Anstrengung, weil wir uns von alten Verhaltensmustern lösen müssen. Am Ende bedeutet dieser Schritt allerdings eine Befreiung von Unverständnis und Frust, hin zu mehr Liebe und Milde.

Und sollten wir alle diesen Schritt gehen, dann, nennt mich illusorisch, wartet eine liebevollere und friedvollere Welt auf uns.

 

Lasst uns eine verständnisvollere, liebevollere und friedvollere Welt kreieren. Es liegt in unserer Hand.

 

Was meinst du zu dem Thema? Hast du schon viel Verständnis für dich und deine Mitmenschen oder arbeitest du noch daran?

 

Lass es mich gerne, in den Kommentaren wissen.

 

Alles Liebe,

Deine Anna