Jeder Mensch ist ein Lehrer

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Ich denke, wir kennen das alle… Wir begegnen in unserem Leben einer Vielzahl von Menschen und nicht mit allen sind wir zu 100% auf einer Wellenlänge. Was völlig okay und normal ist. Während wir mit den Einen nur einen flüchtigen Kontakt pflegen, begegnen uns die Anderen wiederum immer wieder, obwohl wir keine tiefe Verbindung teilen.

Während es sich bei dem flüchtigen Kontakt vielleicht um einen unfreundlichen Kassierer handelt, den wir sowieso nicht mehr wieder sehen werden, handelt es bei dem regelmässigen Kontakt möglicherweise um deinen Cousin oder deine Tante, mit denen du irgendwie nie warm wurdest.

Beim Kassierer könntest du dir jetzt denken: «Der Typ tut mir echt nicht gut mit seiner unfreundlichen Art, hier kaufe ich nicht mehr ein». Bei deinem ungeliebten Cousin oder deiner Tante wird es schon schwieriger, denn sie gehören zu deiner Familie, es sollte sich also schwieriger gestalten ihnen aus dem Weg zu gehen.

Was haben diese beiden Beispiele nun gemein?

Ich sag’ es dir: Beide könnten deine Lehrer sein, wenn du sie denn lässt.

 

Mensch = Lehrer

Jeder Mensch, der dir begegnet, ganz egal, wer es ist oder wie kurz eure Begegnung ist, kann dir etwas beibringen oder gedanklich etwas in dir bewegen. Das können ganz kleine Denkanstösse sein, oder aber tiefschürfende Meinungsveränderungen.

Damit diese stattfinden können, dürfen wir uns in der Interaktion mit unseren Mitmenschen, ganz besonders in Bezug auf die Verbindungen, die nicht so harmonisch sind, aber durchaus auch in Zusammenhang mit solchen Beziehungen, innerhalb derer die pure Harmonie vorliegt, folgende Fragen stellen:

Was kann ich von dir lernen?

und

Was darf ich aus unserer Interaktion lernen?

 

Worauf will ich mit diesen Fragen nun hinaus?

Ich will darauf hinaus, dass wir tatsächlich aus jeder Interaktion, aus jeder Beziehung und von jedem Menschen, mit dem wir interagieren, egal, ob über einen längeren oder kürzeren Zeitraum, lernen dürfen, wenn…

Ja, wenn wir uns darauf einlassen.

Wenn wir, statt verstimmt über den unfreundlichen Kassierer zu sein, uns dazu entscheiden, ihm gegenüber Milde zu empfinden. Motiviert durch Gedanken wie beispielsweise: «Wahrscheinlich hatte er einen schlechten Tag. Ich lasse mich davon nicht anstecken und bin besonders freundlich». Durch dieses Verhalten tust du nicht nur dir Gutes, weil du dich nicht durch die negative Stimmung des Verkäufers anstecken lässt, sondern auch dem Verkäufer, weil du nicht «Gleiches mit Gleichem vergeltest» und auf diese Weise möglicherweise sogar die Stimmung des Kassierers verbessern kannst.

Auf diese Weise dürfen wir uns in jeder Lebenssituation, statt zu be- und verteilen und schlecht drauf zu sein, fragen:

Was darf ich lernen?

Das Gleiche gilt für deinen ungeliebten Cousin oder die Tante, von der du nicht der grösste Fan bist. Du darfst eure Verbindung ganz bewusst wahrnehmen und dich fragen: «Was darf ich hier üben?»

Die Antwort auf diese Frage kommt einem meist ganz leicht und intuitiv in den Sinn. Manchmal brauchen wir allerdings auch etwas länger, um zu verstehen, warum dieser Mensch wohl in unser Leben getreten ist. Es lohnt sich auch oder gerade in solchen Fällen, sich wieder und wieder die Frage zu stellen:

Was darf ich lernen? Was darf ich von dir lernen?

Irgendwann wird die Antwort kommen.

Während ich diese Zeilen schreibe, kommt mir wieder eine Person in den Sinn, bei der ich mich vor ein paar Tagen gefragt habe, was sie mich wohl lehren soll. Die Antwort auf diese Frage kam nicht intuitiv und leicht, wie sonst. Ich hatte keine Antwort auf die Frage – bis jetzt. Eben kam mir die Erkenntnis, es ist Verständnis. Ich darf noch mehr Verständnis von dieser Person lernen.

 

Partnerschaft

Ich möchte an dieser Stelle die wichtige Verbindung der Partnerschaft hervorheben, weil sie meiner Meinung nach so viel Wachstumspotential bietet. Dies ist nicht in dem Sinne gemeint, dass wir alle Konflikte oder Dinge, die uns in einer Beziehung nicht gefallen so hinnehmen und einfach Verständnis für unseren Partner oder unsere Partnerin üben sollten. Verständnis hilft, definitiv, und wir dürfen es auch innerhalb dieser Verbindung üben. Doch nach dem Verständnis darf gerne auch ein Gespräch folgen, in dem wir unsere Ansichten und Gefühle kundtun.

Auch das kann übrigens ein Learning darstellen, nämlich seine eigenen Bedürfnisse zu verbalisieren.

Aber zurück zum Punkt. Woraus ich hinaus wollte, war, dass wir von unserem Partner und seinen Eigenschaften unglaublich viel lernen dürfen.

Ich bin überzeugt davon, dass es kein Zufall ist, mit wem wir in einer Beziehung sind. Wenn ich die Beziehung zu meinem Freund anschaue, dann weiss ich, wenn ich auf die vergangenen Jahre unserer Beziehung zurückschaue, wie viel wir voneinander gelernt haben. Und dieser Lernprozess hört nicht auf, er hält so lange an, wie die Beziehung andauert, vermutlich sogar noch darüber hinaus.

Und so sehr mein Kerl und ich uns ähneln, so sehr ergänzen wir uns auch. Ich stelle immer wieder fest, dass er in Bereichen, in denen ich noch Lernpotential bei mir sehe, extrem stark ist und andersherum. Deswegen ist es für mich auch kein Zufall, dass er meine grösste Inspiration ist.

Statt in Beziehungen also dem Impuls nachzugeben, die Andersartigkeit des Anderen zu kritisieren, könnten wir viel eher schauen, inwiefern die Person an unserer Seite eine Inspiration für uns sein könnte. Das Leben führt uns und die Menschen an unserer Seite, ganz gleich ob Partner/Partnerin, Freunde oder Familienmitglieder schliesslich nicht zufällig zueinander.

Das Leben sagt dir förmlich: «Hier gibt es etwas für dich zu lernen»

Was wir lernen dürfen von unserem Umfeld ist so vielfältig, wie die Menschen, die uns begegnen.

 

Die innere Ruhe bewahren

Ich weiss nicht, wie es dir geht, aber ich bin ein Mensch, der Dinge gerne anspricht, die mich belasten. Doch je nach Kontext macht es manchmal keinen Sinn oder es wäre unpassend, Dinge anzusprechen. Vielleicht weil du vermutest, dass die Person deine Empfindungen nicht verstehen würde oder weil du dein Inneres vor deinem Gegenüber nicht nach Aussen kehren möchtest. Die Gründe können vielfältig sein.

Solche Interaktionen kannst du als Lernumfeld für dich nutzen, um das, was dich verletzt hat, nicht zu nah an dich heranzulassen und äusserlich und am besten auch innerlich ruhig zu bleiben. Gleichzeitig kannst du versuchen, deinem Gegenüber milde und verständnisvoll zu begegnen. Es lohnt sich, denn je mehr Groll du gegen die andere Person entwickelst, desto schwerer wird es für dich die Situation loszulassen.

Du kannst es auch innerlich bearbeiten und aufzulösen. Du kannst dich fragen, wieso dich das Gesagte oder Getane verletzt hat und inwiefern vielleicht gar nicht dein erwachsenes Ich, sondern das Kind in dir verletzt ist. Wenn du merkst, dass es das Kind in dir ist, das verletzt ist, dann tröste es und baue es wieder auf. Und auch, wenn es dein erwachsenes Ich ist, das traurig ist, dann sei gut zu ihm, verurteile es nicht für seine Gefühle und rede ihm gut zu.

Wir dürfen gut zu uns und unserem Gegenüber sein. Wir dürfen ihm milde begegnen, auch wenn er uns verletzt hat und wir dürfen uns und unsere Gefühle annehmen.

 

Loslassen & Vergeben

Ein Klassiker unter den Dingen, die wir in Begegnungen mit unseren Mitmenschen lernen dürfen, ist: Vergebung. Wir werden verletzt und wir verletzen. Ich würde sagen, meist nicht mal bewusst. Alles, was wir tun können, wenn wir verletzt wurden, ist es, darüber zu sprechen, wenn wir es denn möchten und über kurz oder lang die Verletzung loszulassen und zu vergeben. Dafür benötigen wir nicht einmal die Anwesenheit der Person, der wir vergeben wollen. Wir können es innerlich mit uns selbst ausmachen.

Je länger wir innerlich an Vorwürfen festhalten, desto mehr Raum nehmen sie in unserem Leben ein und desto mehr beschweren sie uns. Deswegen ist meiner Ansicht nach, das beste Rezept für innere Leichtigkeit: Vergebung.

 

Der Spiegel

Wenn mich etwas an meinem Gegenüber stört, dann stelle ich mir selber die Frage, ob ich die Eigenschaft, die ich am anderen kritisiere, selber besitze. Wenn man sich diese Frage stellt und herausfindet, dass man etwas mit der Person, von der man sich gestört fühlt, gemeinsam hat, dann wird man gnädiger, milder.

Statt sich von der anderen Person gestört zu fühlen, beginnen wir vielleicht, uns zu überlegen, ob wir an uns selber arbeiten wollen, um diese Eigenschaft langfristig abzulegen, bevor wir andere weiterhin kritisieren. Oder aber wir erkennen und akzeptieren, dass wir diesen Wesenszug besitzen und werden milde uns und dem/der Kritisierten gegenüber.

Authentizität

Kennst du das, dass du manches Mal nicht dein authentisches Ich zeigst?

Abhängig vom jeweiligen Kontext fühlen wir uns gehemmt, weil wir das Gefühl haben, nicht zu genügen, wenn wir uns so zeigen, wie wir wirklich sind. Ist das nicht traurig? Ist es nicht traurig, dass wir uns in unserer Gänze verstecken, weil wir Angst haben nicht zu genügen?

Ich möchte dir sagen, du bist genug, du darfst dich so zeigen, wie du bist, mit deinen Ecken und Kanten, denn die machen dich zu der Person, die du bist. Die Welt braucht dein authentisches Ich, denn dich, so wie du bist, gibt es kein weiteres Mal.

Sei du, sei ein Original, sei keine Kopie.

Ich denke, von den Mitmenschen, die in uns auslösen, uns anders geben zu wollen als wir eigentlich sind, dürfen wir lernen, wir selbst zu sein. Wir dürfen uns durch ihre Anwesenheit selbst immer wieder daran erinnern, uns authentisch zu zeigen.

Auch ich kenne Menschen, die solche Gefühle in mir auslösen. Seit ich mir allerdings im Zusammenhang mit ihnen die Frage gestellt habe, was ich von ihnen lernen darf, sind sie für mich immer wieder auf’s Neue eine Erinnerung daran, mein authentisches ich zu zeigen, aber auch, mich selber zu lieben, genauso wie ich bin.

Uns authentisch zu zeigen, bedeutet auch, unsere eigenen Bedürfnisse zu erkennen, sie ernst zu nehmen und zu ihnen zu stehen. Zu ihnen zu stehen, bedeutet manchmal in eine «Konfliktsituation» zu geraten. Zu einem Konflikt kann es deshalb kommen, da wir zwiegespalten sind zwischen dem, was wir möchten und dem, was andere von uns erwarten.

Da uns dieser Spagat zwischen fremden und eigenen Bedürfnissen ein Leben lang begleiten wird, ist es meiner Meinung nach umso wichtiger, dass wir uns unserer Bedürfnisse bewusst sind, lernen zu ihnen zu stehen und auf diesem Hintergrund für uns erkennen, inwieweit wir die Bedürfnisse unserer Mitmenschen erfüllen können und wollen.

Unsere Mitmenschen, die wichtigsten Lehrer unseres Lebens, erinnern uns durch ihr Dasein und ihre Bedürfnisse immer wieder daran, unsere eigenen Bedürfnisse nicht zu vergessen. In diesem Lernumfeld dürfen wir üben, auf unsere eigene innere Stimme zu hören und sie nicht zu übergehen.

  

Dankbarkeit

Ich denke, was wir all unseren Lehrern und Lehrerinnen in unserem Leben entgegenbringen dürfen, ist Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass sie uns Dinge lehren, uns auf diese aufmerksam machen oder uns daran erinnern, was wir eigentlich wollen und was nicht. Es gibt unendlich viele Gründe ihnen dankbar zu sein.

An dieser Stelle Danke an all die Lehrer und Lehrerinnen meines Lebens. Danke für die kurzen gemeinsamen Momente oder die langen Wege, die wir zusammen gegangen sind, Ihr habt mir so viel beigebracht!

Wir begegnen einander nicht ohne Grund. Das Leben schickst uns immer genau die Lehrer, die wir gerade oder auch langfristig brauchen. Manchmal lehren uns die gleichen Lehrer unterschiedliche Dinge zu verschiedenen Zeitpunkten. Und das ist wundervoll, denn mit jedem Learning lernen wir uns selber immer besser kennen, dringen weiter zu unserem wahren, authentischen Kern vor und erkennen mehr und mehr, wer wir sind.

Dankbarkeit dürfen wir als angenehmen Nebeneffekt aus den Lehren unserer Lehrer und Lehrinnen mitnehmen. Wir dürfen lernen, dankbar zu sein. Wir dürfen fragen: «Was darf ich von dir und aus unserer gemeinsamen Zeit lernen?». Und ganz gleich was am Ende die Antwort ist, immer, aber wirklich immer, darfst du Dankbarkeit für deine neuen Erkenntnisse üben.

 

Am Ende des Tages dürfen wir voller Dankbarkeit dafür sein, dass wir alle Lehrer und Lehrerinnen füreinander sind und einander auf diese Weise dabei helfen, mehr und mehr bei uns selbst anzukommen.

 

Egal, wie unterschiedlich unsere Wege sind, wir bringen einander nach Hause, an den Ort an dem wir uns als uns selbst erkennen und inneren Frieden finden.

 

Wer sind deine Lehrer und Lehrerinnen und was haben sie dich gelehrt?

 

Lass es mich gerne in den Kommentaren wissen!

 

Alles Liebe,

Deine Anna